Holunder

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Sich den Verwandlungskräften stellen

 

Holunder. Spricht man dieses Wort laut und bedächtig aus, lässt man es sich mit geschlossenen Augen langsam auf der Zunge zergehen, einmal, vielleicht mehrmals, so fühlt man sich unversehens an den Rand eines tiefen Brunnens gestellt, in der Hand den Schöpfeimer, den Blick auf der Suche nach einer Spindel in die unergründliche Schwärze gesenkt.

 

Holunder: Die lautmagische Wucht des Wortes entfaltet sich schnell im eigenen Inneren und führt augenblicklich auf die Spur der Verwandlungskraft des Holunders, von der einige Anthrobotaniker sprechen.


Meist eher als Strauch denn als Baum wahrgenommen, erreicht der Holunder eine Höhe von etwa 7 m. Er liebt die Offenheit und ist häufig in Waldlichtungen oder am Waldrand anzutreffen, fühlt sich jedoch auch in der unmittelbaren Nähe
des Menschen sehr wohl: am Schuppen oder Haus, im Garten und in Hecken. Wo er sich vom Strauch zum Baum wandelt, kann er sogar eine Höhe von bis zu 15 m erreichen. Er entwickelt dann eine voluminöse, kugelige bis eiförmige Gestalt, für die seine zahlreichen bogenförmigen Verzweigungen
verantwortlich sind. WEITER)....

Allen Umständen gewachsen
 

Dass der Holunder gerne in der Nähe der Menschen wächst und keiner besonderen Pflege bedarf, deutet bereits auf so manche Eigenschaft hin. Auf dem Platz seiner Wahl breitet er sich schnell und raumgreifend aus. Unseren Vorfahren war klar:
Der mythische Strauch oder Baum beschützt seine Umgebung – er hält Menschen wie Tiere gesund.


Interessant ist, dass er besonders die Nähe zu Kompost- oder Misthaufen schätzt und mit saurem Regen oder Verschmutzung besser umzugehen weiß als andere Bäume. Interessant ist auch, wahrzunehmen, was auf älteren Zweigen wächst: Eine gelb leuchtende Farbe entpuppt sich dem achtsamen Blick als das wunderschöne
Gebilde einer Flechte. Auf ihren ausgefransten gelbgrünen Lappen wachsen kleine gelbe Trichter, die im Inneren orangegelb leuchten. Apothecien nennen die Botaniker sie. Die kleinen Kunstwerke der Natur gehören zur Gewöhnlichen
Gelbflechte, Xanthoria parietina, die überall in Europa zu finden ist...

 

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Baum der Gnade und Huld

 

Das alemannisches Sprichwort „Vor dem Holunder soll man den Hut ziehen und vor dem Wacholder das Knie beugen.“ zeigt, welch große Bedeutung bestimmte Bäume oder Sträucher früher hatten.
Der Holunder ist mit Frau Holle, der Göttin unserer Märchenwelt, wie verwachsen. Noch zu den Zeiten der Brüder Grimm schrieb man Hollunder, was die Verbindung noch deutlicher macht. Holderbusch nennt man ihn auch, denn er ist der Holde,
benannt nach jener Göttin, die ihm einst all seine Segen spendenden Gaben verliehen hat: Holla, Holda oder Hulda ist eine Gottheit der Huld und der Gnade. Hierzulande ist ihre Verehrung bereits seit dem 10. Jahrhundert belegt.
Von Anfang an trägt Frau Holle die Züge einer Himmelskönigin. Sie wird beschrieben als eine wunderschöne und edle Frau in weißem oder silberglänzendem Gewand mit goldenem Gürtel. Ein mit silbernen Sternen bestickter, schulterlanger und hauchzarter Schleier umhüllt ihr langes goldlockiges
Haar. Am Scheitel lugt eine wirre Locke hervor, die ihren stürmischen Charakter verrät, denn sie gilt auch als die Herrin von Blitz, Donner und Regen. Als Windsbraut jagt sie vor allem in den zwölf Raunächten durch Wald und Flur. In
ihrer Eigenschaft als Erdgöttin ist sie die Herrin der Brunnen, Teiche und Seen sowie der Pflanzen und Tiere.  

 

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© 2020, Andreas Hase